Interview mit mir selbst


Eine Lebensbeichte – Interview mit mir selbst

"Sie ist wieder da!"

Tatsächlich. Da ist sie wieder. Soll heißen, ich. Und sie, also ich, bloggt wieder. Nach über einem halben Jahr gibt es wieder ein Lebenszeichen von "Planet Minerva".

Ihr fragt euch sicher, was der Grund für meine lange Abwesenheit war. Und Ihr habt ein Recht darauf, ihn zu erfahren. Ich werde es erklären, das verspreche ich Euch. Aber das ist nicht einfach. Nicht einfach auszusprechen und fast genauso schwer aufzuschreiben.

Mein letzter Beitrag stammt von März. Ich habe ihn geschrieben, kurz bevor mein Studium begann. Inzwischen bin ich schon im zweiten Semester. Und da ich in Sachen Journalismus und Schreiben mittlerweile so viel dazugelernt habe, dass ich schon fast ein alter Hase bin, habe ich kurzerhand beschlossen: Ich, soll heißen, die Journalismus-Studentin Svenja, interviewt jetzt mich, die Bloggerin Planet Minerva. Und ich werde einen guten Job machen, genau die richtigen Fragen stellen (Kunststück, ich kenne ja auch die Antworten).

Svenja: Planet Minerva, Du hast letzten Sommer diesen Blog ins Leben gerufen. Mehrere Monate lang hast Du, zeitweise mehrmals pro Woche, Deine Leser an Deinen Gedanken teilhaben lassen. Warum hast Du im März aufgehört zu bloggen?

Planet Minerva: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, beim Bloggen ehrlich sein zu können. In einigen Beiträgen habe ich die Leser tief in mein Innerstes gelassen, an meinen Selbstzweifeln und meinem mich zum Wahnsinn treibenden Perfektionismus teilhaben lassen. Aber ich habe immer versucht, auch etwas Positives in meine Posts mit einfließen zu lassen. Im März war da plötzlich nichts Positives mehr, was ich hätte schreiben können, ohne zu lügen. Ich wollte keine Blogeinträge verfassen, die nur von Negativem handeln. Ich hatte gleichzeitig auch Angst davor, Schwäche zu zeigen. Nachdem ich monatelang altkluge Ratschläge gegeben und jedem vermittelt habe, mein Leben im Griff zu haben, wollte ich nicht zugeben, dass es nicht so ist. Ich hätte weitermachen können wie zuvor – mit positiven Texten – aber dafür hätte ich lügen und geheuchelten Optimismus versprühen müssen. Und im Blog unehrlich sein, das geht nicht. Damit belüge ich nicht nur die Leser, sondern auch mich selbst.

S: Verrätst Du uns, warum Du nichts Positives mehr hättest schreiben können?

P.M.: Mein ganzes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Dieses Jahr haben meine Eltern sich getrennt.
Okay, das klingt jetzt nicht so furchtbar dramatisch. Angeblich geht ja jede dritte Ehe kaputt. Häufig sind auch Kinder vom Scheitern der Ehe ihrer Eltern betroffen, die wesentlich jünger sind als ich. Mit 18 ist man nun mal nicht mehr so abhängig von seinem Elternhaus wie mit 12. Aber dennoch – ich habe darunter gelitten. Unter dem schleichenden Prozess, der schon lange vor diesem Jahr begonnen hat. Darunter, dass ich selbst von den beginnenden Problemen so viel verdrängt habe, weil ich glauben und hoffen wollte, dass wieder bessere Zeiten kommen. Dass diese Probleme lange selbst vor der Familie und den engsten Freunden geheim gehalten wurden. Dieses Versteckspiel, die Heimlichtuerei hat mich belastet. Ich musste Menschen, die mir wichtig sind, etwas vorspielen, nach außen hin so tun als sei alles perfekt in unserer kleinen Welt.
In diesem Jahr wurde ich von allem, was ich zu verdrängen versucht habe, mit voller Wucht eingeholt. Auf einmal ging alles ganz schnell. Trennung, neuer Partner, der für mein Gefühl viel zu schnell in die Familie integriert werden musste. Es wurde alles anders. Ich habe mitbekommen, wie meine Großeltern unter Gewissenskonflikten litten, weil sie jemanden, den sie seit über 20 Jahren kennen, nicht aus der Familie verbannen wollten. Wie meine Mutter schon das gemeinsame Sitzen an einem Tisch mit meinem Vater und seinen Eltern verweigert hat. Loyalitätskonflikte. Diskussionen, das Gefühl an einen Menschen, der mir wichtig war und ist, überhaupt nicht mehr "ranzukommen". Jemanden, den ich geglaubt hatte zu kennen, förmlich nicht mehr wiederzuerkennen. Immer wieder auch die Sorge um meine Schwester, die von den Veränderungen nichts mitbekommen hatte, da sie sich auf einem Schüleraustausch in den USA befand. Gerade deshalb musste ich die Fassade aufrecht erhalten, durfte nur wenige Menschen einweihen. Die Sorge, dass sie es auf anderem Wege erfahren könnte als von uns, war quälend. Und trotz allem, was mich belastet hat: Ich habe mich weiterhin unter Druck gesetzt. Wollte weiterhin mein tägliches Leben meistern. Bestnoten an der Uni, arbeiten, Orchester. Ich glaube, ich wollte mir etwas beweisen. Weil ich mich gleichzeitig schuldig gefühlt habe. Weil ich um die Ehe meiner Eltern gekämpft und diesen Kampf verloren hatte.

S: Einen Kampf, den zu führen nicht Deine Aufgabe gewesen wäre. Du hast Verantwortung übernommen, die Du nicht hättest tragen müssen.

P.M.: Ja, ich habe mich oft verantwortlich gefühlt. Für meine Schwester. Auch für meine Eltern. Dafür, dass die Familie nicht vollständig auseinanderbricht. Es war eine Verantwortung, die ich nicht tragen konnte – und auch nicht hätte tragen müssen. Es ist mir lange nicht gelungen, sie wieder loszuwerden. Ich bin nun mal so. Ich trage Verantwortung, ich kann nicht anders. Wer mich davon abhalten will, Verantwortung zu übernehmen, kann mir auch gleich das Atmen verbieten.
Ich habe unter der Situation gelitten, aber das war für mich nicht das Schlimmste. Am allerschlimmsten ist es für mich nämlich, immer und immer wieder, Menschen leiden zu sehen, die ich liebe. Und das hat mir das Herz ganz oft zerrissen, so sehr, dass es am Ende kaum mehr zu reparieren war.

S: Unter diesen Umständen war es bestimmt doppelt so schwer, sich in den Alltag des Studiums einzufügen.

P.M.: Es war schwer und es ist schwer. Bis heute weiß niemand von meinen Kommilitonen, was in mir vorgeht. Ein Stück weit habe ich mich von ihnen allen zurückgezogen. In diesen letzten Monaten war ich so sehr damit beschäftigt, mich selbst zu schützen, dass es mir unglaublich schwer fiel, auf andere Menschen zuzugehen.

S: Wovor hast Du Dich beschützt?

P.M.: Ich war dieses Jahr sehr verletzlich. Ich habe mein Herz mehr oder weniger in eine Muschelschale eingeschlossen, wenn ich zur Uni gegangen bin – oder überhaupt irgendwo hin. Das zieht zwangsläufig auch nach sich, dass es niemand mehr berühren kann. Aber es kann eben auch nicht völlig auseinanderbrechen. Und ich brauche diesen Schutz für mein Herz, weil ich jeden Tag Angst habe, dass es ohne den schützenden Kokon, der es umgibt, nicht mehr überleben kann.
Letztes Jahr dachte ich, meine Vergangenheit hinter mir gelassen zu haben. Die größten Schwierigkeiten überwunden, meine Stärken schätzen und meine Schwächen akzeptieren gelernt. Was ich letztes Jahr in einigen Beiträgen geschrieben habe, war nicht falsch. Aber ich habe begriffen, dass es in meinem Leben vieles gibt, was ich nie richtig verarbeiten konnte. Die fortwährende Ehekrise meiner Eltern und das Schweigen dazu. Das Mobbing in der Unterstufe. Sexuelle Belästigung im Alter von 14 Jahren. Der Druck, den ausgerechnet die Menschen, die mir am nächsten stehen, permanent auf mich ausgeübt habe. Meine Unfähigkeit, mit Menschen umzugehen. Probleme, die ich verdrängt und totgeschwiegen habe.

S: Warum öffnest Du Dich jetzt? Warum entscheidest Du Dich dafür, auf einem öffentlichen Blog Deine Erfahrungen zu teilen, Deine Gefühle preiszugeben?

P.M.: Ich habe in letzter Zeit mehr losgelassen. Ich habe erkannt - und auch gesagt bekommen - dass meine Lebensgeschichte eine schwierige ist. Dass ich jedes Recht der Welt habe, mich so zu fühlen. Dass das bei allem, was in meinem Leben geschehen ist, sogar natürlich ist. Ich neige dazu, meine Probleme zu verharmlosen, abzuschwächen. Darauf zu verweisen, dass es viele Menschen gibt, denen es schlechter geht als mir. Das hat sich jetzt ein Stück weit geändert. Wer mir auf Twitter folgt, wird gemerkt haben, dass ich bei einigen Tweets ganz bei mir war. Dinge geschrieben habe, die ich früher nur gedacht hätte. Eigentlich will ich einfach nur ehrlich sein. Ich bin kein verlogener Mensch. Im Gegenteil, ich war schon immer eine miese Lügnerin und daher hat es mir sehr widerstrebt, dort auf Twitter, aber auch im realen Leben nicht hundertprozentig ehrlich zu sein.

S: Wie sieht es im realen Leben aus? Kannst Du dort auch offen und ehrlich sein?

P.M.: Nein, das ist schwieriger. Die meisten Menschen, denen ich begegne, muss ich noch ein paar Jahre lang öfter sehen. Und es sind Dinge ausgesprochen worden, die es für mich unvorstellbar machen, dass jemand von diesen Menschen mich verstehen könnte. Es sind Sätze ausgesprochen worden, in denen Menschen mit psychischen Problemen als unnormal bezeichnet wurden. Ein erwachsener Mann hat psychiatrische Einrichtungen mit dem Gefängnis gleichgesetzt. Jemand war heilfroh, keinen Kontakt zu einer ehemaligen Bekannten mehr zu haben, denn "die war ja schon immer komisch und ist jetzt in psychologischer Behandlung." Beim Referat über Mobbing wurde angemerkt, dass Mobbing-Opfer aber auch immer seltsame Menschen wären und sich in ihre Situation reinsteigern würden. (Nur bei dieser letzten Aussage habe ich mich getraut zu widersprechen. Ansonsten war ich stumm wie ein Fisch. Und feige.) Jedes Mal war ich wie gelähmt, konnte mich erst einmal nicht bewegen. Niemand wusste, wie sehr mich all das getroffen hat.

S: Das heißt, Du kommst momentan nicht mit jedem gut klar.

P.M.: Nicht nur momentan. Ich hatte schon immer Schwierigkeiten damit, dauerhafte Beziehungen aufzubauen. Ich bin nun mal auch ein Mensch, der seine Privatsphäre braucht. Für mich muss es immer eine Tür geben, die ich verschließen kann. Es gibt wenige Menschen, die das wirklich verstehen. Ich weiß auch, dass es sehr, sehr kompliziert sein kann, mit mir befreundet zu sein. Umso mehr schätze ich diejenigen, die es trotzdem auf sich nehmen.

S: Würdest Du Dich als sozialen Menschen bezeichnen?

P.M.: Ich mich selber? Keine Ahnung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mich meine, sagen wir mal, drei besten Freundinnen und meine Lieblingscousine für einen der liebevollsten und sozialsten Menschen halten, den sie kennen. Ich weiß aber auch, dass viele felsenfest davon überzeugt sind, dass sie keine Person kennen, die weniger gut mit anderen Menschen umgehen kann als ich. Viele Gleichaltrige können mit mir nichts anfangen. Ich gehe zum Beispiel sehr ungern auf Partys, wenn die Handvoll Herzmenschen nicht da ist. In Gruppen fühle ich mich meist unwohl. Wenn ich mich in einer Gruppe von zehn Menschen befinde, sind in der Regel acht davon eine Sorte Mensch, mit der ich nicht auf einer Wellenlänge liege. Ich bin aber trotzdem bereit, das zu ertragen, wenn ich das Gefühl habe, die neunte Person freut sich ehrlich mich zu sehen und mit ihm oder ihr ist ein gutes Gespräch möglich. Mir sind andere Menschen wichtiger als ich selber, so ganz unsozial kann ich dann doch nicht sein, oder?

S: Hast Du eine Erklärung dafür, warum Du Dich mit manchen Menschen so schwer tust?

P.M.: Die Schuld dafür habe ich immer bei mir selber gesucht. Ich halte immer mich für das Problem, nicht die anderen. Fehlverhalten anderer Menschen mir gegenüber versuche ich zu entschuldigen. Manchmal habe ich ja selbst keinen Respekt vor mir, wie sollen es dann andere haben?
Ich bin ein Mensch, der viel verzeiht. Selbst mit den Personen, die mich über einen längeren Zeitraum immer wieder tyrannisiert haben, habe ich später meinen Frieden gemacht. Zu einer Person ist sogar ein recht gutes Verhältnis entstanden, auch wenn wir nie Freunde sein werden. Ich glaube an zweite Chancen. Nur mir selbst gebe ich nie welche.

S: Das klingt so, als ob Du mit Dir selbst nicht wirklich im Reinen wärst.

P.M.: Bin ich auch nicht. Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich zwei verschiedene Personen. Bin ich allein oder von Herzmenschen umgeben, finde ich mich manchmal sogar ganz hübsch und bin zufrieden mit meinen Klamotten. Wenn nicht, dann sehe ich einen hässlichen Menschen und halte mich für die am schlechtesten gekleidete Person auf diesem Planeten. Ich kann das nicht abstellen.

S: Was tust Du dagegen?

P.M.: Seit einigen Tagen habe ich immer einen kleinen Zettel in der Tasche. Darauf steht "Expecto Patronum", lateinisch für "Ich erwarte einen Wächter". Bei Harry Potter sind diese Worte der Zauberspruch, um einen sogenannten Patronus heraufzubeschwören. Mit dem Patronus bekämpft man die Dementoren, böse Kreaturen, die versuchen alles Glück und alle positiven Gefühle aus den Menschen herauszusaugen. J.K. Rowling hat mal gesagt, dass die Dementoren für Depression stehen.
Dieser Zettel wirkt nun sicherlich keine Wunder, aber ich fühle mich gut dabei, ihn dabeizuhaben. Ansonsten bin ich mittlerweile Weltmeisterin im Aushalten. Ich halte aus, weil ich Hoffnung habe. Weil ich allen eine zweite Chance gebe, auch meinem Leben.
Ich habe eine Vision von einer Zukunft, die besser ist als meine Gegenwart und Vergangenheit. Und die lasse ich mir nicht kaputtmachen.

S: Planet Minerva, vielen Dank für das Gespräch.

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