Wie erobert man eine Stadt?

 

Wie erobert man eine Stadt?

 
In meinem letzten Blogbeitrag habe ich schon über meine große Leidenschaft fürs Reisen geschrieben. Ich gehöre zu den Menschen mit Dauer-Fernweh, deren To-do-Liste in Bezug aufs Reisen unendlich lang ist.
Eigentlich ungewöhnlich für jemanden, der so tief in seiner Stadt verwurzelt ist wie ich. Kamen meine Familienmitglieder einst aus Italien, Ungarn und ganz anderen Ecken von Deutschland, habe ich meine bisherigen 17 ½ Lebensjahre alle am selben Ort verbracht. Das hat mich und meine Familie aber nicht davon abgehalten, viel von der Welt zu sehen. Im Urlaub nur am Strand herumzuliegen, war irgendwie nicht so unser Ding. Ich habe seit jeher eine Schwäche für Skandinavien: vor vier Jahren machte meine Familie eine zweiwöchige Reise durch Dänemark und Südschweden, vor einigen Monaten, wie bereits erwähnt, erkundete ich auch Oslo. Rom und London gehören ebenfalls zu meinen Lieblingsstädten, "über dem großen Teich“"habe ich mein Herz für New York und San Francisco entdeckt. In Paris war ich ebenfalls schon mehrmals. Zuerst war es nicht so meine Stadt. Aber vor zwei Jahren, auf einer dreitägigen Klassenfahrt meines Französischkurses, habe ich auf den zweiten Blick doch noch Freundschaft mit der französischen Hauptstadt geschlossen.
Ich klappere bei Städtebesichtigungen selten einfach nur die Touristenattraktionen ab, sondern versuche die Stadt von einer anderen Seite zu entdecken, quasi für mich zu „erobern“. Beispiel Paris: Eiffelturm, Louvre, Arc de Triomphe? Ja, hab ich mitgenommen. Aber nicht so, wie man es vielleicht erwartet. 12 Stunden sind wir durch die Stadt gelaufen, durch die kleinen Gassen, in denen man das beste Eis von Paris bekommt (wenn auch für horrende Preise), wo es diesen unglaublich tollen Süßigkeitenladen gibt, wo man grundsätzlich nur auf Einheimische trifft. Abends um zehn im Dunkeln zu Fuß den beleuchteten Eiffelturm rauf, ohne Rücksicht auf die schmerzenden Füße.
Wir haben in einem französischen Bistro Suppe gegessen, in der Orangerie Monets Seerosen bestaunt und sind mit dem Baguette unterm Arm durch Paris spaziert. So habe ich mir die Stadt erobert, sie abseits der großen Sehenswürdigkeiten kennen gelernt.
Seit gestern bin ich wieder einmal auf Reisen, oder besser gesagt, nach einer Odyssee endlich angekommen. Um sieben Uhr morgens bin ich zu Hause los, bereits der Zug mittags in Hamburg hatte über eine Stunde Verspätung. In Kopenhagen war dann mein Zug nach Schweden natürlich schon abgefahren und ich musste improvisieren. Zu allem Überfluss waren gestern Abend die Zugverbindungen in der gesamten Provinz lahmgelegt worden und die Fahrt zog sich weiter hin. Stundenlang saß ich, entweder im Zug, oder an Haltestellen, fest.
Ein Abenteuer wollte ich erleben, hatte ich zuletzt geschrieben. Dass es bereits bei der Ankunft abenteuerlich werden würde, habe ich allerdings nicht erwartet. Mühsam radebrechte ich mich mit einer Mischung aus Schwedisch und Englisch durch, dass ich letztendlich angekommen bin, habe ich nur einem hilfsbereiten Schweizer mit demselben Reiseziel (und besseren Schwedischkenntnissen) sowie den unglaublich freundlichen Schweden zu verdanken. Während in Hamburg noch interessiert zugeguckt wurde, wie ich mich mit meinem schweren Koffer die Treppen hinauf mühte, wurde in Schweden gleich zugepackt. Zugpersonal und andere Mitreisende gaben bereitwillig Auskunft und kamen meinem bescheidenen Schwedisch mit Englisch entgegen. Der Kontrolleur im Zug erklärte mir ausführlich, wann ich umsteigen musste und sagte vor der betreffenden Haltestelle extra für mich durch, auf welchem Gleis der Zug zu meinem Zielbahnhof ankommen würde.
Während dieser Odyssee erhielt ich Beistand von meinen derzeit ebenfalls in alle Winde verstreuten Freundinnen, die mit mir aus ihren Urlaubs-, FSJ- oder Wohnorten in drei verschiedenen deutschen Städten, aus Frankreich, Italien und England kommunizierten. Ohne all diese Ermutigungen wäre ich wohl völlig hilflos gewesen. 17 Stunden dauerte es von der Abfahrt zu Hause bis zur Ankunft in der Gastfamilie.
Endlich angekommen, tat es einfach nur gut, herzlich begrüßt zu werden und so schnell wie möglich in ein bequemes Bett kriechen zu können.
Heute ist mein erster Tag in Schweden. Das Abenteuer geht weiter – wenn auch hoffentlich weniger spektakulär. Ab heute werde ich eine weitere Stadt erobern dürfen. Ich bin schon sehr gespannt.

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