Ein unbeschriebenes Blatt Papier


Ein unbeschriebenes Blatt Papier

Jetzt ist es also vollbracht. Auf dem Kalender steht 2017. Jeder, der das liest (und glücklicherweise auch noch ein paar Andere) ist weitestgehend unfallfrei ins neue Jahr gerutscht und hat somit 2016 unbeschadet überstanden.
Vor uns liegt nun also das (noch) unbeschriebene Blatt Papier, das 2017 heißt. 52 Wochen. 365 Tage. 8760 Stunden (jetzt höre ich auf, ich bin schließlich kein Mathegenie). Und an uns ist es jetzt, dieses Blatt zu füllen.
Alleine geht das nicht, so viel ist mir klar. Wir können nicht (oder zumindest nicht wesentlich) beeinflussen, was dieses Jahr in der Welt geschehen wird. Politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Daher habe ich beschlossen, dass es zwei weiße Blätter Papier geben wird. Eines, das uns ganz alleine gehört. Auf dem nur wir unsere Spuren hinterlassen werden. Die einzigen anderen Menschen, die darauf Einfluss nehmen können, sind diejenigen, die wir in unser Leben lassen. Und ein zweites Blatt, eines, das der ganzen Welt gehört, aber auf das trotzdem jeder Mensch seine eigene Signatur setzen kann. Naturkatastrophen, Terroranschläge, können wir nahezu gar nicht beeinflussen. Natürlich können wir durch Umweltschutz versuchen, den Klimawandel zu stoppen und die Anzahl der Naturkatastrophen zu verringern, doch wir werden nie in der Lage sein, sie ganz von der Erde verschwinden zu lassen. Das übersteigt unsere Macht.
Unser Einfluss auf die Politik hingegen ist zwar klein, aber nicht zu unterschätzen. In diesem Jahr finden Bundestagswahlen statt. Ich werde zum ersten Mal wahlberechtigt sein und dieser Berechtigung selbstverständlich auch nachkommen. Ehrlich gesagt kann ich es nicht leiden, wenn sich Menschen dem verweigern, mit der Begründung "meine Stimme zählt doch sowieso nicht." Tut sie doch. Jede abgegebene Stimme für eine Partei mit demokratischen Grundsätzen ist wertvoll. Und jede nicht abgegebene Stimme ist ein Schlag ins Gesicht für die Demokratie. Begünstigt Parteien, die den in unserem Grundgesetz vorgegebenen Werten widersprechen. Denn deren Anhänger, das garantiere ich euch, die werden wählen gehen.
Okay, das wäre geklärt. Nächster Punkt: das Übliche. Hungersnot in Afrika, Kriegszustände, Flüchtlingskrise. Können wir nicht ändern, werdet ihr sagen. Wir können nicht den Hunger aus der Welt verbannen, können keinen Weltfrieden schaffen oder uns um alle Flüchtlinge auf diesem Planeten kümmern. Können wir auch nicht. Aber jeder Weg beginnt mit einem Schritt. Und wenn jeder von uns einen einzigen, kleinen Schritt macht, dann können wir etwas bewegen.
Nein, ich will und darf nicht den Moralapostel spielen. Ich helfe auch viel zu wenig, das weiß ich. So schnell verschwinden Katastrophen aus meinem, unserem Blickfeld. Oft verschließen wir selbst unsere Augen vor ihnen, weil wir es nicht ertragen, von ihnen zu hören. Und verkriechen uns in unserer eigenen kleinen Blase, in der – mehr oder weniger – alles in Ordnung ist. Wir sind sicher. Wir haben ein Dach über dem Kopf, können uns Kleidung leisten, müssen uns nicht täglich fragen, wie wir an etwas zu essen kommen sollen. Es geht uns so viel besser als (viel zu) vielen anderen Menschen auf der Welt. Wir können nicht allen helfen, aber es ist möglich, etwas zu bewirken. Ich erinnere mich an einen Schulgottesdienst, den wir einmal zugunsten von Flüchtlingen veranstaltet haben. Allein durch Spenden ist mehr Geld zusammengekommen als es Schüler an der Schule gibt. Und es waren nicht einmal alle anwesend.
Na also, es geht doch. Beispiele wie dieses zeigen, dass wir willig sind zu helfen, wenn wir wollen. Wenn wir das Blatt Papier, das der Welt gehört, nicht nur nutzen, um uns lautstark über Ungerechtigkeiten, tote Prominente (was natürlich auch schlimm ist, woran wir aber definitiv nichts ändern können) und Merkels Politik zu beschweren, sondern es selbst in die Hand nehmen, dass die Welt ein klitzekleines bisschen besser wird.
Kommen wir nun zum zweiten Blatt Papier. Zu unserem eigenen, ganz persönlichen Blatt, dessen Inhalt wir und nur wir beeinflussen. Mein Blatt von 2016 war von oben bis unten vollgeschrieben, aber es waren auch Dinge durchgestrichen. Von denen ich selbst beschlossen habe, dass ich sie dort nicht stehen lassen will. Dass sie mir nicht (mehr) wichtig sind, dass sie auf diesem Papier zu viel Platz einnehmen, den ich für Wichtigeres nutzen könnte. Es war dringend nötig, auf dem Blatt ein bisschen auszumisten, denn dort mussten ja auch noch Ereignisse wie der Abiball, meine Schweden-Reise und lustige, verrückte Momente mit Freunden und der Familie untergebracht werden. Davon gab es nämlich viele!
Genauso werde ich auch 2017 vorgehen. Ich werde, unabhängig von dem, was täglich da draußen geschieht, ganz egoistisch mein eigenes Blatt Papier füllen, Tag für Tag und Woche für Woche. Ich werde Schönes notieren, doch genauso auch das, was mich traurig gemacht, verletzt hat. Weil es die melancholischen, dunklen Momente sind, die mich im vergangenen Jahr geprägt haben. Die ich gebraucht habe, um mit mir selbst im Reinen zu sein. Die ich heute, am 1. Januar 2017, nicht mehr missen möchte, weil ich daraus gelernt habe.
Ich weiß, das klingt jetzt schon wieder furchtbar schnulzig und nach dem üblichen theoretischen Blabla: „Aufstehen, Krönchen richten, weitermachen!“/ „Egal wie oft man hinfällt, es zählt nur, dass man wieder aufsteht!“ und so weiter. Das ist es nicht, was ich mit diesem Text ausdrücken möchte. Die Botschaft des Textes ist eher, dass man versuchen soll, so weich wie möglich hinzufallen. Sich nicht so schwer verletzen zu lassen, sondern sich lieber abzufangen. Sich nicht gegen den Fall zu wehren, ihm nicht krampfhaft entgegenzuwirken, sondern es anzunehmen, dass man nicht immer stark sein kann. Dass jeder manchmal stürzt. Dass wir nicht kalt wie ein Eiszapfen sein sollen, sondern es auch Dinge gibt und geben darf, die uns berühren. Dass all das nicht peinlich oder albern ist, sondern menschlich. Dass Fehler passieren und dass oft wir selbst diejenigen sind, die am längsten dafür brauchen, uns etwas zu verzeihen.
Im letzten Jahr habe ich gelernt, dass ich nicht perfekt sein muss. Und auch, dass ich nicht die Einzige bin, die es trotzdem versucht. Die hohe Erwartungen an sich selbst stellt und daran immer wieder scheitert. Die manchmal von Selbstzweifeln geplagt wird. Es bringt nichts, dagegen zu kämpfen.
Von den Lasten, die wir uns selbst auferlegen, können wir uns nur dann befreien, wenn wir sie tragen. Sie akzeptieren als Teil von uns und lernen, damit zu leben. Dann werden sie immer kleiner, bis sie irgendwann verschwinden.
Ich wünsche uns allen, dass genau das in diesem Jahr passieren wird. Dass wir irgendwann stark und aufrecht und befreit dastehen werden und uns trotzdem zwischendurch Momente der Schwäche erlauben.
Auf das Jahr 2017! Ohne Angst, ohne Reue und mit unerschütterlichem Optimismus.
 
Foto: privat
 

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