Therapietagebuch


Therapietagebuch – Eine Klimax der Traurigkeit

Auf die Frage "Wie geht es Dir?" mit einem ehrlichen "nicht gut" antworten. #wasfehlt
Svenja (@SvennieC_ee24) auf Twitter.

 
Ich war mir eigentlich nicht sicher, ob ich auf diesem Kanal überhaupt über meine Therapie schreiben möchte. Ein anderer Blog hat mich ermutigt, es zu tun. Ich habe in den letzten Tagen und Wochen dort vieles gelesen, was mich an mich selbst erinnert. Und vielleicht hilft mir das Schreiben ja, all die Gedanken, die in der Therapie aufgewühlt werden, ein wenig zu ordnen.

Es war für mich eine enorme Überwindung, eine Therapie zu beginnen. Doch in diesem Sommer, kurz bevor meine Schwester von ihrem Auslandsjahr zurückkam (als die Angst davor, wie sie auf die Trennung unserer Eltern reagieren würde, übermächtig wurde) habe ich mich selbst dafür entschieden. Auch nur, weil es in unserem Ort eine Therapeutin gibt, die ich kenne. An die mich mein Kinderarzt schon zu Grundschulzeiten verwiesen hatte, weil ich damals mit Schlafstörungen und Albträumen zu kämpfen hatte. Damals haben wir wenig über mich gesprochen. Vielmehr habe ich gespielt, konnte Kind sein. Aus diesen Spielen hat sie, wie sie mir nun sagte, unglaublich viel über meine Persönlichkeit, mein Inneres herausgelesen. Zum Teil Dinge, die erst Jahre später deutlich wurden. Die ich damals noch gar nicht wahrgenommen habe, die sich lediglich in meinem Unterbewusstsein abspielten.

Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass es mir Freude bereitet zur Therapeutin zu gehen oder dass ich gerne über mein Innerstes sprechen würde. Im Gegenteil, ich spreche äußerst ungern über mich. Aber heute war es tatsächlich so, dass ich die Therapiestunde kaum erwarten konnte, weil in mir drinnen so viel wütete und es unheimlich schwer war, dies unter Verschluss zu halten.

Dort angekommen, brach alles aus mir heraus. Wie mein Gefühlszustand in den letzten Tagen immer schlimmer wurde. Wie der Tod meiner früheren Schulfreundin (hier nachzulesen) mir zugesetzt und mich beschäftigt hat. Dass ich in den letzten drei Nächten zusammengerechnet vielleicht zehn bis zwölf Stunden geschlafen habe. Dass gegen meine Kopfschmerzen kein Aspirin hilft. Dass ich Angst habe, dass es gar nie mehr besser wird. Dass ich in den letzten Tagen eine Klimax der Traurigkeit erlebt habe. Auch wenn diese Bezeichnung eigentlich paradox ist, denn Klimax bedeutet Steigerung und mein Gemütszustand bewegte sich pausenlos nach unten, nicht nach oben. Und wenn ich mich so fühle wie in den letzten Tagen, bin ich genauso wenig in der Lage positive Gefühle zu entwickeln wie jemand mit einem gebrochenen Bein einen 100m-Sprint absolvieren kann: gar nicht.

Sie hörte zu. Stellte Fragen. Sie war sichtlich besorgt. Und ich begann schon wieder mich zu schämen. Zu schämen dafür, dass ich so sehr "jammerte". Dass ich so schwach war. Sie empfand es nicht als Jammern, und nicht als Schwäche. Das sagte sie mir. Es sei ungewohnt für mich, das alles wirklich rauszulassen. Weil ich nun mal zum Bagatellisieren, zum Abschwächen neige. In erster Linie, weil ich die Menschen um mich herum beschützen möchte (hallo Verantwortungsgefühl! Dich werde ich wohl nicht mehr los) und sie daher nicht mit meinen Sorgen belaste. Mittlerweile öffne ich mich weit genug, um meine engsten Vertrauten wissen zu lassen, dass es mir nicht gut geht. Aber niemand, der mich persönlich kennt, weiß, dass es nicht nur eine anstrengende, schwierige Phase ist. Sondern ein tiefes schwarzes Loch, bei dem ich Angst habe, nicht mehr herauszukommen.

Es gibt noch mehr, vor dem ich Angst habe. Ich fürchte mich davor, eine Diagnose gestellt zu bekommen. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass mir ein ernsthaftes psychisches "Problem" (unpassendes Wort, aber ein passendes kenne ich nicht) schwarz auf weiß bescheinigt werden könnte. Weil es bei mir das Gefühl erzeugt, als würde mich mein Umfeld dann als "gestört" abstempeln. Aus demselben Grund will ich auf gar keinen Fall regelmäßig Medikamente einnehmen. Nein, ich will kein Mitleid. Ich möchte noch nicht einmal verstanden werden. Es reicht mir, wenn Menschen Verständnis aufbringen. Oft, sehr oft habe ich jedoch das Gefühl, das tun sie nicht. Mir ist klar, dass mein Bagatellisieren dazu führt, dass mir die typischen "Allheilmittel" (mehr Schlaf, frische Luft, etwas Essen) empfohlen werden, die ich a) nicht mehr hören kann und die mir b) das Gefühl geben, nicht ernst genommen zu werden.

Eine Diagnose oder Medikamente – für mich hätte es etwas Endgültiges. Egal, ob ich tief drinnen schon weiß, dass meine Psyche nicht nur temporär, sondern dauerhaft stark belastet ist: Solange ich funktioniere, kann ich es noch leugnen. Ich mag den Gedanken nicht, meine Gefühle durch Medikamente zu "unterdrücken". Auch wenn ich weiß, dass sie mir nicht guttun. Ich möchte, ich muss fühlen, um zu wissen, dass ich lebendig bin. Psychopharmaka verkörpern für mich irgendwie den "letzten Ausweg". Und ich möchte jetzt noch nicht den aus meiner Sicht letzten Schritt wagen. Ich bilde mir ein, dass, solange meine Hoffnung von der besseren Zukunft da ist, solange ich kämpfe, meinem Leben eine Chance gebe, es nicht nötig ist. Dass ich noch aushalten kann. Ich verweise darauf, dass ich nach außen hin funktioniere. Solange nicht die akute Gefahr besteht, dass ich zusammenbreche, kann ich doch noch einfach so weitermachen?

Meine Gedanken kreisen, einmal mehr. Meine Selbstabwertung. Meine Selbstverachtung. Meine Traurigkeit, die ich vielleicht lieber als Schwermut bezeichnen sollte. Meine Angst. Ja, meine fürchterliche Angst vor all dem Menschen, die diesen Text hier lesen. In erster Linie befürchte ich, dass jemand, der mich im realen Leben kennt, diese Zeilen liest. Es würde das Bild, das derjenige von mir hat, komplett auf den Kopf stellen. Gleichzeitig würde es mich mit dem konfrontieren, was ich bislang gut unter Verschluss gehalten habe. Es würde das tägliche Schau- und Versteckspiel unmöglich machen. Ich habe auch Angst vor allen Lesern dieses Textes, die mich nicht persönlich kennen. Weil das eine Seite von mir ist, die ich bislang nie gezeigt habe. Nicht im Blog, nicht auf Twitter, nirgendwo. Ich habe Angst davor, dass sich Menschen ein Bild machen, mich in eine Schublade stopfen. Dass es keiner versteht beziehungsweise niemand Verständnis für mich aufbringen kann. Dass mir wieder vorgehalten wird, dass es so viel Schlimmeres gibt als mein Leben. Aber andererseits – könnte mir irgendjemand etwas vorwerfen, dessen ich mich nicht schon selbst beschuldigt habe?

Es ist schwer, diese Zeilen zu schreiben. Nahezu unvorstellbar, dass sie von Menschen tatsächlich gelesen werden können. Gleichzeitig ist es auch befreiend, ehrlich zu sein. Obwohl es wahnsinnig viel Überwindung kosten wird, auf "veröffentlichen" zu klicken.

Aber ich probiere es.   

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