Gedanken zum Jahresende



Gedanken zum Jahresende

Noch vier Tage und ein paar Stunden, dann ist das Jahr 2016 auch schon wieder Geschichte. In vielerlei Hinsicht (aus Sicht der Öffentlichkeit betrachtet) war es ein schreckliches Jahr für diese Welt. Terror, Angst, Tod beherrschten selbst an Weihnachten die Schlagzeilen.
Auf die Gefahr hin, dass das jetzt furchtbar egoistisch klingt, widerspreche ich jetzt mal: Für mich persönlich war 2016 kein schlechtes Jahr. Im Gegenteil.

Es war erfolgreich. Ich habe vieles abgeschlossen, und noch mehr angefangen. Dieses Jahr 2016 war unglaublich intensiv. Schwieriger als vergangene Jahre, aber vielleicht gerade deswegen besser. Weil ich mich nicht selbst verleugnet habe. Weil ich am Ende dieses Jahres in den Spiegel gucken kann und sage: Ja, vielleicht habe ich mir dieses Jahr nicht nur Freunde gemacht. Aber ich bin mir selbst treu geblieben.
Ich habe mich für den schwierigen Weg entschieden, weil es der richtige ist. Weil ich gemerkt habe, dass ich für meine eigenen Werte einstehen, ja sogar kämpfen will. Ich habe erkannt, dass diese Werte von vielen, sehr vielen Menschen geteilt werden und ich diejenigen, die sie nicht teilen, auch nicht in meinem Leben brauche. Ich habe gelernt, was für mich wichtig ist. Um es mal wieder mit Harry Potter auszudrücken: Ich habe festgestellt, dass ich manchmal lieber Hufflepuff bin als Ravenclaw. (Für die Muggel unter euch: Ravenclaw verkörpert Intelligenz und Weisheit, Hufflepuff steht für Fairness und Loyalität.)
Mir sind Menschen wichtig. Freundschaften, Familie. Ich kann damit leben, manchmal zu versagen, nicht gut genug zu sein für meine eigenen Ansprüche. Nicht aber damit, ohne Menschen zu sein, denen ich vertrauen kann. Die ich brauche, und die mich ebenso brauchen. Ich musste oft Abschied nehmen in diesem Jahr. Ich habe die Schule beendet, war einige Wochen im Ausland, habe ein Praktikum gemacht. Meine Schwester ist für ein Auslandsjahr in die USA gegangen. Immer wieder musste ich lieb gewonnenen Menschen Tschüss sagen, immer wieder wurde mir bewusst, wie wichtig es mir ist, eben genau solche Menschen gefunden zu haben. Diese Abschiede waren traurig, keine Frage. Aber gleichzeitig haben sie gezeigt, wie wichtig mir die betreffenden Menschen sind. Ich habe gelernt, das wertzuschätzen, aus negativen Momenten auch Positives mitzunehmen. Aus Fehlern zu lernen, und vor allem: mir selbst zu vertrauen. Auch wenn es immer wieder wehtut, wenn ich traurig bin, Zurückweisung erlebe – ich höre nie damit auf, daran zu glauben, dass der von mir gewählte Weg der richtige ist und ich irgendwann am Ziel ankommen werde.
Und wenn ich nicht ankomme? Egal. Der Weg ist das Ziel. Allein dadurch, dass ich mich entschlossen habe, meinen Weg zu gehen, egal wie krumm und mit wieviel Hindernissen er bestückt ist, hat mich weitergebracht.
Vor einigen Tagen ist mir eine schöne Geschichte in die Hände gefallen, die ich gerne mit euch teilen würde. Und hier kommt sie:

Inge Wuthe – Das Märchen von der traurigen Traurigkeit


Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. "Wer bist du?" fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. "Ich ... ich bin die Traurigkeit", flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
"Ach, die Traurigkeit", rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Kennst du mich denn?", fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich kenne ich dich", antwortete die alte Frau, "immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja, aber ..." argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?"
"Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst - verzeih diese absurde Feststellung - du siehst so traurig aus?"
"Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. "So, traurig bist du", wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?"
Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und...
Ach, weißt du", begann sie zögernd und tief verwundert, "es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen."
"Da hast du sicher Recht", warf die alte Frau ein. "Aber erzähle mir ein wenig davon."
Die Traurigkeit fuhr fort: "Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen "Papperlapapp - das Leben ist heiter", und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen "Gelobt sei, was hart macht", und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen "Man muss sich nur zusammenreißen" und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen "Weinen ist nur für Schwächlinge", und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen."
"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?"
Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Ja, das will ich", sagte sie schlicht, "aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit."
Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. "Wie weich und sanft sie sich anfühlt", dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt."
Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
"Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?"
"Ich", antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. "Ich bin die Hoffnung!"

©Inge Wuthe

Liebe Leser dieses Blogs, ich wünsche euch ein wundervolles und erfolgreiches Jahr 2017!! (und danke an dieser Stelle ganz herzlich für inzwischen fast 11 000 Klicks)





 
 

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